Promotie Kåre Skredsvik

1937

Question for the PhD graduation

 

Promotie Kåre Skredsvik. 31 Mei 1937

[1]

Geehrter Promovendus, Ich glaube, es wird wohl am besten sein dass wir in deutscher Sprache miteinander reden, weil die Schwedische, Ihre Muttersprache uns nicht, die Niederländisch Ihnen nicht geläufig ist. Ihre Dissertation ist auch auf deutsch geschrieben, so waren wir in der Lage, Ihre Ansichten über einen der vornehmsten Denker Ihrer Heimat kennen zu lernen, zugleich aber auch eingeführt zu werden in die Gedanken, welche für die Entwicklung der schwedischen Philosophie ganz bestimmt sehr wichtig, sogar im Anfange des vorigen Jahrhunderts massgebend und bestimmend waren. Schwedisch geschrieben, sind die Werke der schwedischen Philosophie uns im allgemeinen wenig zugänglich und deshalb freut es mich, durch Ihre Dissertation, die, wenn auch deutsch geschrieben, eine Schwedische Arbeit bleibt – man spûrt es schon in der Sprache – eine nähere Einführung in die Schwedische Gedankenwelt bekommen zu haben. Wer sollte besser und klarer über einen der Hauptpersonen der schwedischen Philosophie schreiben als ein, wie Sie, an der alten Universität von Upsala in diese Welt eingeführt. So habe ich mit einer gewissen Freude Ihre Arbeit gelesen und ich gestehe ganz gerne, dass Sie viele dunkle Stellen im Bilde der schwedischen Philosophie in klareres Licht gebracht haben. Doch ist mir nicht alles klar und deutlich geworden und so habe ich auch von der Lesung Ihrer Arbeit noch einige Fragen beibehalten, die ich jetzt wenigstens zum Teil vorbringen möchte. Sie haben uns den jungen Geijer vorgeführt und besonders darauf den Nachdruck gelegt, dass er mit seiner Persönlichkeitsphilosophie Schweden gerettet hat von einem extremen ldealismus [2] und sein empirischer Intuitionismus, wie Sie sein System am besten meinen definieren zu können nicht nur den Zweifel an die Objektivität unserer Erkenntnis sondern auch den Monismus von Schweden fern gehalten hat. lch glaube mit Ihnen, dass hierin ein grosser Verdienst Geijers liege, es ist mir jedoch nicht ganz klar, wie Sie sein System auch mit Rücksicht auf seine Vorstellung über unsere Gotteserkenntnis einen empirischen lntuitionismus nennen konnen. Wenn ich auch gern zugebe, dass für Geijer, besonders vielleicht für den jungen Geijer seine Gotteserkenntnis zugleich empirisch und intuitiv gewesen sei, es ist mir nicht ganz klar, dass diese empirische Erkenntnis nur und ausschliesslich intuitiv war. Sie war sicher empirisch. Sehr oft betont Geijer, dass keine Erkenntnis möglich sei, auch nicht die Gotteserkenntnis, wenn nicht das Objekt sich kennbar macht, sich offenbart. Er spricht weiter von einem Sinn, welchen wir innehaben um das Objekt zu fassen. Seine Vorstellung, dass vor der Erkenntnis die Möglichkeit des gekannten in uns vorliegt, steht dem Intellectus possibilis der scholastischen Philosophie sehr nahe. Sie sagen es ziemlich klar auf Seite 51 Ihrer Dissertation: Geijer nimmt Abstand vom reinen Idealismus und der rücksichtslosen Ich-Philosophie. Der Gegenstand unserer Erkenntnis, meint er, muss selbst einmal aktiv von aussen mitwirken und auch in uns potentiell sein, sodass die Erkenntnis desselben eigentlich nur Inhalt des Bewusstseins ist, das doch dadurch aus Dunkelheit zu voller Klarheit übergeht, dass der Menschengedanke realiter eine der Seele begegnende, äussere Wirklichkeit erobert. Wenn wir also Gott, die lebendige Einheit, selbst fassen wollen, muss er sich selbst in uns und für uns offenbaren. [3]

Ich habe den Eindruck [2] dass Sie noch zuviel in der auch in Schweden, wenn da gemässigter als z.B. in Deutschland herrschende idealistische Strömung mitgenommen sind, dass Sie dagegen reagierend in der Philosophie Geijers ein bisschen ausschliesslich den Nachdruck legen auf das empirische seiner Philosophie. Ist dass nicht Hauptsache? Sie haben betont, wie Geijer durch seine geschichtliche Studien dem Empirismus näher gebracht wurde. Auf Seite 56 haben Sie schön gesagt, mit Rücksicht auf Geijers Vorstellung unserer Gotteserkenntnis: “Wie ein Mensch sich einem anderen mitteilt, so offenbarte sich Gott selbst im geschichtlichen Leben.” Sie nennen diese Ekenntnislehre einen Empirismus mit Betonung der Intuition. Ich sehe da kaum eine Intuition. Sie sagen auf Seite 166 “Mehrere Ausdrücke Geijers können so gedeutet werden, als hatte der Mensch ein eigentümliches Vermögen, das ihm mitten in der Welt in Kontact mit dem Kern der Wirklichkeit führt (vergleiche seinen berühmten Satz: Die Geschichte ist die Wissenschaft von dem, was geschieht in dem was zu geschehen scheint).” Das klingt schon ein bischen intuitionistisch und gleicht ein wenig dem Wesenschau Husserls und ich verstehe dass Sie auf Seite 178 auch diese Gedanken weiter schreibend, Geijer sogar einen Vorlaufer von Bergson nennen. Sie folgen hier Landquist, Ich frage jedoch, ob das, wenn wir es zusammen nehmen mit dem oben gesagten, lntuitionismus sei. Ich glaube, man spricht hier besser von Intellectus im Sinne der scholastischen Philosophie als von Intuition. Wenn Geijer über die übernatürliche Gotteserkenntnis spricht und von Gotteserfahrung im Sinne der Mystiker, [4] von der Gottesoffenbarung notwendig für die Erkenntnis Gottes und durch die Gnade uns gegeben, dann ist die Erfahrung dieser Offenbarung vielleicht von Intuitionistischem Karakter, und ist also für Geijer die Gotteserkenntnis kaum ohne lntuition zu denken, aber Sie geben uns auf Seite 51 doch auch wieder als die vorstellung Geijers, dass die natürliche Erkenntnis durch das übernatürliche ergänzt werden soll”. Das komt daher, weil Geijer wenn auch Empirist sich nicht traut auf das Gegebene zu bauen und meint, die Philosophie brauche doch die höhere Erleuchtung der Theologie. Er meint schon, wie Sie auf Seite 168 in einer Fussnote sagen, das Dasein Gottes und das Dasein der Aussenwelt seien schon mit der menschlichen Seelenausrustung gegeben, er traut sich aber nicht zu, dies mit zwingender Logik zu beweisen”. Ich meine, Geijer kennt also eine doppelte Erkenntnis, eine empirische intellectualistische, durch eine höhere übernatürliche intuitionistische ergänzt, eine mittelbare Gotteserkenntnis mittels des Prinzips der Causalität und eine unmittelbare durch die übernatürliche Gotteserfahrung. Es würde mir sehr angenehm sein, wenn Sie mir diese Schwierigkeit lösen wollten.

 


  1. Typescript (NCI OP 96.15), 4 pages. Question for the PhD graduation of Kåre Skredsvik (Die Philosophie des jungen Geijer in ihrem ideengeschichtlichen Zusammenhang), 31 May 1937. Corrections by pencil (we present in italics) refer to corrections of German language.
  2. Crossed out is: ‘– und ich habe Sie dafür oft genug gewarnt und Sie aufmerksam gemacht –’.

 

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